Übermorgen

Eine Zeitreise in unsere digitale Zukunft

Zukunftsmissionare −
Glauben Sie nicht alles!

In diesem Kapitel

Was halten Sie von Prognosen und deren Glaubwürdigkeit? Was dürfen Sie alles glauben? Wann sollten Sie auf Ihren Bauch hören?

Im Oktober 2016 durfte ich in der Nähe von Linz, Oberösterreich, vor rund 400 Zuhörerinnen und Zuhörern einen Vortrag zum Thema «Digitalisierung 2030 − wohin geht die Reise?» halten. Da ich einen permanenten Google Alert auf meinen Namen gesetzt habe (das sollten Sie unbedingt auch tun), werde ich über alle publizierten Artikel, in denen mein Name erscheint, automatisch per E-Mail informiert. Plötzlich zeigte mir Google Alert an, dass ein gewisser Jörg Eugster, Zukunftsforscher, einen Blick in die Zukunft gewähre.

Jörg Eugster als «Zukunftsforscher» (Bildquelle: Google Alert)

Zuerst dachte ich, es sei ein Namensvetter von mir, der Zukunftsforscher sei. Ich war sehr erstaunt, als ich sah, dass es um meinen Vortrag in der Nähe von Linz ging. Normalerweise fragt der Veranstalter vorher an und möchte jeweils Text und Bilder zur Vermarktung des Anlasses. Diesmal war das nicht der Fall. Als ich den Veranstalter darauf ansprach, warum sie mich als Zukunftsforscher angekündigt hatten, wurde mir entgegnet, dass sie mich nach meinem Vortrag in Wien, an dem sie mich erlebt hatten, genau so sehen.

So wurde ich über Nacht zum Zukunftsforscher.

Es ist ja schliesslich kein geschützter Titel und jeder könnte sich so nennen. Doch ich möchte mir keinen falschen Titel umhängen. 

Kann man die Zukunft voraussagen?

Wenn man plötzlich unverhofft einen neuen Titel verpasst  bekommt, macht man sich natürlich Gedanken. So «flatterte» bald darauf eine Einladung von Matthias Horx und seinem Zukunftsinstitut zum Anlass «FutureExpertDay» in Berlin herein. Ich meldete mich gleich an, um mehr über das Thema Zukunftsforschung zu erfahren.

Das Ergebnis möchte ich gleich vorwegnehmen: Man kann die Zukunft nicht voraussehen. Nun gut, das habe ich schon vorher gewusst, habe aber am Anlass die Bestätigung bekommen.

Was haben Schamanen, Propheten, Orakel, Visionäre, Weissager, Prognostiker, Think Tanks, Trend- und Zukunftsforscher gemeinsam? Alle versuchen, auf ihre eigene Art und Weise eine mögliche Zukunft zu beschreiben oder vorauszusagen. Erinnern wir uns an die Apokalyptiker, die immer wieder das Ende der Welt vorausgesagt haben. Die Welt dreht sich heute aber immer noch.

          Hätten wir «9/11» voraussehen können?

Hätten wir das Ereignis vom 11. September 2001 in New York voraussagen können? Es gab vielleicht Daten bei den Geheimdiensten und sich abzeichnende Trends, wie sich das Verhältnis der USA zu Osama bin Laden zusehends verschlechterte. Doch hätte das jemand voraussagen können, der nicht zur Terroristentruppe gehörte, die die Twin Towers zu Fall brachte?

          Wie gut lässt sich das Wetter prognostizieren?

Bitte sagen Sie mir, wie das Wetter in genau 6 Monaten sein wird. Das kann heute noch niemand, weil das Wetter ein äusserst komplexes System ist. Man kann das Wetter für die nächsten Stunden mit einer sehr hohen Genauigkeit voraussagen. Auch für die nächsten 10 Tage lassen sich Trends erkennen und prognostizieren. Doch oft kommt es anders, als man denkt.

Visionäre wie Steve Jobs verändern die Welt

Manchmal gibt es auch Visionäre, die die Dinge, die sie sehen, selber umsetzen. Damit wird ihre Vision zur Realität. Nehmen wir mal den Visionär Steve Jobs. Hätten wir damals das iPhone voraussagen können, das 2007 auf den Markt kam? Natürlich haben wir Trends gesehen. Speicher und Rechnerleistung wurden auf den damaligen mobilen Telefonen immer grösser, die Bandbreite für die Datenübermittlung immer schneller, und es gab es immer mehr kleine, nützliche Programme. Die Gerätehersteller von damals hiessen Nokia, Motorola, Blackberry oder Ericsson bzw. Sony Ericsson. Diese Firmen haben früher sehr erfolgreich Mobiltelefone gebaut. Wo sind sie heute? Hätten sie den Trend nicht kommen sehen müssen und entsprechend reagieren? Hätten nicht die vielen Wahrsager, Zukunfts- und Trendforscher das erkennen müssen? Warum hat ein Branchenfremder wie Apple den Markt aufgemischt? Hat nicht Steve Jobs einfach seine Vision Wirklichkeit werden lassen und den Trend selber gesetzt?

Klar, wenn er es nicht gemacht hätte, dann hätte es ein anderer gemacht, früher oder später. Man konnte ja den Trend zu kleineren, leistungsfähigeren Geräten mit immer mehr Funktionen erkennen. Ich habe diesen Trend selber auch kommen sehen und in einem Vortrag im Jahr 2005 die digitalen Trends im Jahr 2015 vorausgesagt. Ich sah die vielen Apps kommen, dachte aber, dass diese primär auf dem Fernsehgerät genutzt würden. Selber hatte ich einige Organizer wie den von Psion gekauft. Man konnte sich wirklich vorstellen, dass man damit auch einmal telefonieren würde. Doch brauchte man das vor 2007? Viele meiner Freunde meinten damals, dass ihnen das Abfragen der E-Mails und das Surfen im Internet zu Hause oder im Büro reichen würde. Sie bräuchten keinen Internetzugang unterwegs. Dann sagten Prognostiker voraus, dass wir auch einmal auf dem Mobiltelefon fernsehen würden. Das fanden viele damals sehr befremdend. Was tun heute die Leute? Sie schauen immer häufiger Videos auf YouTube und Facebook.

Wussten Sie, dass Nokia lange vor Apples iPhone mit dem Nokia Communicator 9000 (https://de.wikipedia.org/wiki/Nokia_Communicator#Nokia_9000) bereits 1996 einen Electronic Organizer auf den Markt brachte? Dieses Gerät hatte vor allem eine ganz wichtige Funktion, den PIM. Der PIM war der Personal Information Manager, mit dem man Daten, Adressen und Termine speichern konnte. Nur telefonieren konnte man damals damit nicht. Und der PIM wurde auch nicht App, sondern noch Anwendung oder Applikation genannt. Vielleicht hat sich ja Steve Jobs davon inspirieren lassen und zu sich gesagt, dass so ein Gerät neben einem PIM auch telefonieren können müsse. Was viele nicht wissen, ist, dass Apple bereits 1992 unter dem damaligen CEO John Sculley den Newton MessagePad auf den Markt brachte und diese Gerätekategorie als PDA oder Personal Digital Assistant bezeichnete. Der PDA war allerdings zu wenig erfolgreich. Vermutlich war damals einfach die Zeit für ein solches Gerät noch nicht reif. Erst als Steve Jobs dank der Übernahme von NeXT durch Apple wieder zu seinen Wurzeln zurückkehrte, ging es mit Apple wieder aufwärts. Das alles können Sie auf Wikipedia nachlesen (https://de.wikipedia.org/wiki/Apple). 

Hätten wir das damals alles voraussehen können? Den Trend ja, aber dass Apple mit dem iPhone eine disruptive Technologie auf den Markt bringen würde, haben wir nicht kommen sehen. Zum Thema Disruption erfahren Sie später mehr im Kapitel 4 «Den Umsatz von morgen machen die Andersdenkenden von heute».

Google, Yahoo und AltaVista

Noch ein anderes Beispiel. Welches war die erste weltweit bekannte Suchmaschine? Nein, es war nicht Google, auch nicht Yahoo, sondern AltaVista. AltaVista, das damals DEC (Digital Equipment, erinnern Sie sich noch?) gehörte, war in den Jahren 1995 bis 1999 neben HotBot die bekannteste Volltextsuchmaschine. Dann wurde aus einer im Jahre 1996 erstellten Semesterarbeit der beiden Doktoranden Sergey Brin und Larry Page an der Stanford University Google. Zuerst hiess das Projekt noch BackRub, das am 15. September 1999 in Google umbenannt wurde (Vise, David A., Die Google-Story, 2006).

Hätten wir damals voraussehen können, dass Google einmal die mächtigste Suchmaschine und zu einem der wertvollsten Unternehmen in unserer Zeit werden würde? Wo waren all die Zukunftsforscher? Hatten diese das auch vorausgesehen? Vermutlich nicht. Zweifelsohne konnte man den Trend erkennen: Das Internet wuchs exponentiell und der Bedarf nach einer Ordnung und Suche in dieser ungeheuren Datensammlung wuchs.

Was aber trieb die beiden damaligen Doktoranden an? Es war ihr Ehrgeiz, die beste Suchmaschine zu bauen, besser als damals AltaVista. Googles Algorithmus damals basierte vor allem auf der Weiterempfehlung. Im Internet ist der Link eine Weiterempfehlung. Der Algorithmus hat sich seit damals massiv weiterentwickelt und tut dies immer noch.

Die Geschichte von AltaVista ging später mit der Zusammenarbeit mit Yahoo weiter. Yahoo war vorher lediglich ein Verzeichnis und verleibte sich die Suchmaschinentechnologie von AltaVista ein. Vor über zehn Jahren waren die Suchmaschinen von Yahoo und Google in der Anzahl Suchanfragen vergleichbar. Im Juli 2016 wurde Yahoo schliesslich von Verizon übernommen, nachdem der Aktienkurs jahrelang vor sich hingedümpelt hatte. Googles Aktienkurs hingegen stieg im gleichen Zeitraum von 250 auf 800 Dollar. Nachdem bereits seit 2010 alle Suchanfragen von Altavista auf Yahoo Search umgeleitet wurden, wurde der Dienst am 8. Juli 2013 endgültig eingestellt und ist heute nur noch Geschichte.

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Facebook

Als Facebook 2004 von Mark Zuckerberg gegründet wurde, war MySpace das bedeutendste Soziale Netzwerk, ist aber heute nur noch ein Schatten seiner selbst. Allen Relaunch-Bemühungen zum Trotz geht der Trend weiter bergab: Im Alexa-Rank (Quelle: alexa.com) lag MySpace im März 2010 noch auf Rang 16 der meistbesuchten Websites im Internet, im Dezember 2014 nur noch auf Rang 1'464, im Dezember 2015 auf Rang 1′650 und im September 2016 auf Rang 2'225. Facebook hingegen verzeichnete im 3. Quartal 2016 gemäss statista.de über 1,7 Milliarden Mitglieder.

Hätte man das voraussehen können? Dann hätten ja alle Trend- und Zukunftsforscher ihr ganzes Vermögen in Facebook-Aktien investieren müssen. Am 18. Mai 2012 ging Facebook an die NASDAQ. Der Ausgabekurs war 38 US-Dollar. Dabei wurden Einnahmen von 16 Milliarden US-Dollar erzielt, was den damals grössten Börsengang eines Internetunternehmens darstellte. Die Gesamtbewertung des Unternehmens lag auf Basis des Ausgabekurses bei rund 104 Milliarden US-Dollar. Obwohl Experten einen deutlichen Anstieg der Kurse vorausgesagt hatten, verlor die Aktie innerhalb weniger Wochen fast ein Drittel ihres Werts und ohne einen Trend der Besserung halbierte sich der Aktienkurs bereits im August 2012 auf 19 Dollar. Der Börsengang wurde vom Wall Street Journal als «Fiasko» bezeichnet (https://de.wikipedia.org/wiki/Facebook_Inc.#B.C3.B6rsengang).

Ich kann mich noch gut an die Diskussionen damals erinnern. In einem Artikel in der Zeitschrift «Marketing & Kommunikation» schrieb ich dazu zwei Artikel im Mai und Juni/Juli 2012, dass man unbedingt Facebook-Aktien kaufen solle, und dass die Börsenkapitalisierung mehr als 100 Milliarden Dollar betragen würde (https://eugster.info/wp-content/uploads/Online-Highlights-MK_05_2012_S._42.pdf, https://eugster.info/wp-content/uploads/Online-Highlights-MK-06_07_2012_S._36.pdf). Der Chefredakteur rief mich vor der Veröffentlichung an und hielt mir einen Vortrag, wieso Facebook niemals 100 Milliarden, also der Wert aufgrund des Ausgabekurses beim Börsengang, wert sein würde. Im 4. Quartal 2015 war Facebook sogar 306 Milliarden Wert (https://de.wikipedia.org/wiki/Facebook_Inc.).

Wir hatten beide unrecht, aber jeder auf eine andere Seite. Dumm nur, dass ich damals keine Facebook-Aktien gekauft hatte.

Glauben Sie mir, niemand kann die Zukunft voraussagen. Wir können sie erahnen, niemals aber sehen. Ich selber lag bei Facebook richtig, möchte aber hier auch erwähnen, dass dies nicht immer der Fall war. Ich liege mit meinen Prognosen oft richtig, ab und zu aber auch falsch.

Wenn die Zukunfts- und Trendforscher wirklich die Entwicklung voraussehen könnten, würden sie selber Google, Facebook und Apple von morgen bauen oder zumindest in einem frühen Stadium darin investieren.

Was lässt sich voraussagen?

Gewisse Dinge, die auf Daten basieren, lassen sich hingegen berechnen und voraussagen. Zum Beispiel kann man die Entwicklung der Weltbevölkerung oder die Geburtenrate eines Landes berechnen und mit einer hohen Wahrscheinlichkeit voraussagen, weil es ein System mit hohen Kausalitätsverknüpfungen darstellt (Horx, Matthias, Handbuch für Zukunftsagenten, Zukunftsinstitut, Frankfurt am Main, 2016, S. 52).

Es gibt sie aber auch, die Superprognostiker. Matthias Horx zitiert dabei auch den berühmten Staatsmann Sir Winston Churchill wie folgt:

«Winston Churchill, ein zur Depression neigender Staatsmann, dem Whisky und den Zigarren zugeneigt, strategischer Gewinner des Zweiten Weltkrieges, antizipierte die kabellose Kommunikationswelt und den Aufstieg alternativer Energien sowie die Entwicklung artifizieller Tiernahrung – und vieles andere mehr.» (Horx, Matthias: Handbuch für Zukunftsagenten, Zukunftsinstitut, Frankfurt am Main, 2016, S. 60).

Stellen Sie sich vor, Sie sind der CEO der «Electric Telegraph Company» im Jahre 1939 (daraus wurde später British Telecommunications oder kurz BT, nachdem die staatliche Firma 1984 von Margaret Thatcher privatisiert wurde). Sie hören von der Vision Winston Churchills, dass in der Zukunft die Kommunikation kabellos stattfinden werde. Sie denken spontan, ob der zu viel Whisky getrunken hat, weil seine Vorlieben ja bekannt waren. Das ist oft auch das Problem der Visionäre oder Superprognostiker: Niemand oder nur wenige glauben ihnen. Und Winston Churchill, der 1965 verstarb, konnte auch nicht mehr erleben, ob seine Voraussagen eingetroffen sind.

Oftmals sind Experten selber schlechte Prognostiker. Der CEO der «Electric Telegraph Company» hätte eine solche Vision kaum haben können, denn als Experte ist man oft von seiner reichen Erfahrung gefangen und kann nicht oder nur schlecht über den Tellerrand hinaussehen.

Oft erinnern wir uns nur an die eingetroffenen Visionen und Voraussagen. Doch mit wie vielen Voraussagen sind die gleichen Superprognostiker danebengelegen? Das wird oft verschwiegen. Aber das grosse Problem dieser Visionen ist, dass die Leute so etwas höchstens zur Kenntnis nehmen, aber nicht umsetzen können. So war das vermutlich auch mit den Visionen Winston Churchills. Die Technologie war damals bei Weitem noch nicht so weit, und man hatte damals andere Sorgen wie der bevorstehende Zweite Weltkrieg.

Zukunftsforschung versus Trendforschung

Am FutureExpertDay lernte ich den Unterschied zwischen Trend- und Zukunftsforschung kennen:

  • Trendforschung ist eine Sozial- und Kulturdisziplin, die sich mit dem Wandel von Zeichen- und Kultursystemen besonders in Bezug auf Marketing- und Innovationsprozesse beschäftigt.
  • Zukunftsforschung ist eine Systemwissenschaft, die sich mit langfristigen Veränderungen sowie deren Implikationen für politische und wirtschaftliche Prozesse befasst.

(Horx, Matthias, Handbuch für Zukunftsagenten, Zukunftsinstitut, Frankfurt am Main, 2016, S. 116−117).

Nachdem ich das am FutureExpertDay erfahren hatte, wusste ich, dass ich kein Zukunftsforscher bin. Darum werde ich mich fortan nicht mehr mit einem Titel schmücken, der mir nicht zusteht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich mich als Trendforscher bezeichnen soll, obwohl mir das näherliegt.

Leserexperiment «Hausarzt der Zukunft»

Lassen Sie mich mit Ihnen ein Experiment durchführen. Bitte machen Sie zumindest gedanklich mit.

Wie sehen Sie die Zukunft des Hausarztes? Folgende Trends kann man erkennen:

  • In der Schweiz wird in den nächsten fünf Jahren rund ein Drittel aller Hausärzte in Pension gehen. Das wird vermutlich in Deutschland ähnlich sein.
  • Immer weniger Medizinstudenten möchten als Hausarzt tätig sein, weil sie als Spezialarzt mehr verdienen können.
  • Die Versicherten der Krankenkassen wählen immer mehr alternative Modelle wie Callmed oder Managed Care, wo sie den Zugang zum Gesundheitssystem über ein Callcenter oder eine Gemeinschaftspraxis finden.
  • Immer weniger Leute haben einen Hausarzt.
  • Es gibt immer mehr neue Konzepte wie zum Beispiel die Permanence (http://www.permanence.ch/), wo man ohne Anmeldung Zugang zum Gesundheitssystem bekommt. Das ist der «Hausarzt on demand», also dann und dort, wann und wo ich ihn brauche.

Bitte malen Sie sich die Zukunft des Gesundheitssystems in Bezug auf Hausärzte aus. Werden wir bald ein grosses Problem wegen einer Unterversorgung haben und müssen wir immer ins nächstgelegene Spital gehen, um ärztlich versorgt zu werden? Zu welchem Schluss kommen Sie? Vermutlich nicht zum gleichen wie ich.

Ich gebe Ihnen weitere Informationen, die für Ihre Prognose relevant sein könnten:

  • Watson, der Computer von IBM, kann heute schon dank künstlicher Intelligenz Krebs viel besser diagnostizieren als ein menschlicher Arzt. Watson kennt alle medizinischen Studien oder hat in Sekundenschnelle Zugriff auf diese und kann dank künstlicher Intelligenz eine Diagnose treffen. Wir stehen hier aber erst am Anfang dieser Entwicklung (https://www.ibm.com/watson/).
  • Haben Sie auch schon Raumschiff Enterprise (Star Trek) gesehen? Dort hat Dr. McCoy jeweils die Kranken mit dem Tricorder untersucht, indem er über den Körper der Person gefahren ist und gleich feststellen konnte, was der Person fehlt. Science-Fiction? Nicht mehr lange, denn schon bald wird der Tricorder XPrice angekündigt werden (http://tricorder.xprize.org/). Stellen Sie sich vor, Sie haben wie Dr. McCoy ein portables Gerät in Ihrer Hand, das einen Patienten überwachen und eine Diagnose für diverse Krankheiten stellen kann. Sie atmen wie beim Alkoholtest bei der Polizei in ein Gerät, das anschliessend Ihren Gesundheitszustand feststellen kann. Unglaublich, nicht wahr? Man geht davon aus, dass bis in einigen Jahren sich jeder ein solches Gerät leisten kann. 

Was bedeuten beide Entwicklungen für unser Gesundheitssystem? Hat das Ihre Einschätzung zum Hausarzt der Zukunft verändert? Obwohl wir hier einige Entwicklungen sehen, bleibt es weiterhin sehr schwierig, die Zukunft vorauszusehen. Änderungen der Rahmenbedingungen wie Gesetzesänderungen haben einen grossen Einfluss auf Voraussagen. Und jede bahnbrechende Innovation kann unser Weltbild für die Zukunft laufend verändern.

Ich habe Ihnen schon in Kapitel 1 meine Zukunftsvision gemalt. Gerne würde ich das um eine weitere Episode erweitern.

Der Hausarzt ist eine App in der Matrix

«Du Opa, möchtest du morgen wieder mit mir in die Schule kommen?», fragt Luca. «Nein, Luca, ich weiss ja jetzt, wie die Schule im Jahr 2030 abläuft. Zudem muss ich morgen zu meinem Hausarzt», antwortet Opa. «Hausarzt? Gehörst du noch zu den fünf Prozent der Bevölkerung, die heute noch einen Hausarzt haben?», entgegnet Luca überrascht, «etwas über 80 Prozent der Leute gehen zum virtuellen Hausarzt in der Matrix.»

Opa: «Das kann ich mir nach dem Schulbesuch gestern bei dir gut vorstellen, wie der Arztbesuch in der Matrix ablaufen wird. Ich wähle einen virtuellen Hausarzt aus, der im Dialog mit gezielten Fragen ganz genau herausfinden wird, was mir fehlt. Dank dem Tricorder lassen sich auch einfache Tests durchführen.» − «Ganz genau, Opa», meint Luca belustigt.

Das Leserexperiment funktioniert

Vor Drucklegung dieses Buches habe ich von 20 Leserinnen und Lesern der Beta-Version dieses Buches ein sehr qualifiziertes Feedback bekommen, das ich in den meisten Fällen berücksichtigen konnte. Wie Sie vielleicht schon wissen, ist dieses Buch ein Social-Open-Projekt, wo ich die Community einlade, ihre Gedanken mit mir zu teilen.

Das hat auch ein langjähriger, lieber Kollege gemacht. Beat Arnet ist studierter und promovierter Dr. med., also geradezu prädestiniert, sich mit der Hausarztthematik auseinanderzusetzen. Heute arbeitet er als Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter Leistungen bei der KPT, einer der grössten Krankenkassen der Schweiz. Er schrieb mir am Neujahrstag 2017 Folgendes:

Nicht die Zahl der Hausärzte wird zurückgehen, sondern die Zahl der Spezialisten. Begründung: Das Spezialwissen wird dem Hausarzt durch Dr. Watson bereitgestellt, die Anamnese (Ergebnis der Befragung des Patienten), den Status und die Therapie kann durch den Hausarzt übernommen werden. Der Hausarzt bzw. die Hausärztin − die Zukunft der Medizin ist weiblich − wird dem Patienten auch empathisch zuhören können.

=> Es braucht in Zukunft also mehr Generalisten und weniger Spezialisten.

Die manuellen Fähigkeiten der Hausärztin, des Hausarztes werden also gefragt bleiben, ebenso das aktive und empathische Zuhören und das Applizieren der Therapie. Schliesslich braucht es auch das kritische Hinterfragen der durch Watson empfohlenen Diagnose und der Therapie («critical appraisal»).

Natürlich braucht es auch noch einige Spezialisten: Das sind insbesondere die besonders geschickten Handwerker (Orthopäden, Chirurgen), welche Arbeiten verrichten, die noch nicht durch Roboter übernommen werden können. Es braucht künftig neue Fähigkeiten für Ärzte: kritisch hinterfragen, was der Roboter und Watson so treiben. Es braucht Querschnittsfunktionen: Arzt und Informatiker.

Vielen Dank, lieber Beat, für diese Einschätzung.

Wie Sie sehen, haben wir nun eine fachliche Diskussion zwischen einem Fachexperten und einem Laien. Wir beiden wissen nicht, wer recht bekommt. Doch oftmals lagen in der Vergangenheit die Experten daneben, weil sie eben Teil des Systems waren und die Einschätzung auf ihren Erfahrungen basierten.

In Kapitel 4 «Den Umsatz von morgen machen die Andersdenkenden von heute» sehen Sie, wie sich Kodak entwickelte. Obwohl Kodak viele Experten für die analoge Bildtechnologie hatte und sie sogar als Erste eine Digitalkamera entwickelt hatten, konnten sie den Niedergang nicht aufhalten. Hätten wir zu jener Zeit eine ähnliche Diskussion geführt, hätten die Experten wohl die damalige Zukunft anders eingeschätzt.

Damit möchte ich nur sagen, dass es verdammt (entschuldigen Sie bitte diese Ausdrucksweise) schwierig ist, die Zukunft vorauszuahnen.

Wer wird recht bekommen, Beat Arnet oder ich? Wir werden sehen. Auf jeden Fall trinken wir im Jahr 2030 ein Glas Wein miteinander und schauen auf diese Jahre zurück.

Vorsicht vor selbst ernannten Zukunfts- und Trendforschern

Wie Sie gerade gesehen haben, gibt es letztlich nur Meinungen, wie sich die Zukunft entwickeln könnte. Eine neue bahnbrechende Technologie kann Ihr Zukunftsweltbild von einer Sekunde auf die andere völlig verändern. Wenn Amazon beispielsweise die Vision kundtut, dass im Weltall Warenhäuser analog grosser Zeppeline schweben, Drohnen die bestellte Ware an den Empfänger liefern oder Waren während des Transportes durch einen 3D-Drucker gleich hergestellt werden, dann verändert sich die Betrachtungsweise über die Produktion und Logistik von Waren unmittelbar.

Hüten Sie sich vor den selbst ernannten Zukunfts- und Trendforschern, denn die haben oft nicht recht. Was aber, wenn sie dann doch recht bekommen sollten? Dann haben Sie vielleicht ein Problem.

Bitte verstehen Sie mich bitte an dieser Stelle nicht falsch. Ich möchte die echten Zukunfts- und Trendforscher nicht schlechtmachen, keineswegs. Es gibt diese, die systematisch und methodisch danach forschen.

Botschafter der digitalen Zukunft

Ich selber bin kein Forscher. Bei mir entstehen die Zukunftsbilder aus dem Bauch heraus, ohne System und Methode. Darum und genau darum bezeichne ich mich weder als Zukunfts- noch als Trendforscher, sondern ich sehe mich eher in der Rolle eines Zukunftsmissionars mit der Mission, Ihnen die digitalen Megatrends näherzubringen. Doch ist leider der Begriff «Missionar» wegen der Kirchengeschichte negativ belegt. So habe ich mich entschlossen, mich als Botschafter für die digitale Zukunft zu bezeichnen, also ein Zukunftsbotschafter. Ich bringe Ihnen die Botschaft über die digitalen Megatrends, und das alles im nächsten Kapitel «Digitale Megatrends».


Autor Jörg Eugster / Jörg Eugster G+